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Geschichte des Moments
Ein Sofa Dialog von Vistin
(ab 14)

Eine Stunde, ein Sofa, eine aufgebrachte Lily und Severus' vor Übermüdung wirre Gedankenwelt.

Momentaufnahmen Zyklus: Dezember 1979 - Strang A

Zitat des Tages

Neville lachte übermütig.
»Was habt ihr mit dem Drachen gemacht?«
»Freigelassen« ,sagte Ron. »Hermine wollte ihn unbedingt als Kuscheltier behalten -«

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Kap.29

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Luciana Bradley und der Orden des Phönix ( von )

3. Kapitel: In der Winkelgasse

Betaleser: Corona (fanfiktion.de)
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In der Winkelgasse

Es war eine Katastrophe, ein Fiasko, Totalausfall! Luciana und Johnny hatten ihren Flug verpasst, um ‚zwa`Stünchen‘ da es eine kleine Zeitverzögerung am ‚Body Check’ gegeben hatte.

     Johnny D.-Genius-Jonathan hatte es von allen Dingen, die man hätte vergessen können, versäumt seine neun Millimeter Smith & Wesson daheim zu lassen; stattdessen hatte er sie in der Innentasche seiner Lederjacke verstaut, was zu einem fünfzehn Mann Sondereinsatzkommando des Bundesgrenzschutzes geführt hatte, die alle der Reihe nach nicht nur Mister Flachzange wie einen Schweinedarm auszuquetschen versuchten, sondern Luciana gleich mit auf die Abschussliste gepackten hatten und alle fünf Minuten mit immer wilderen Verschwörungstheorien um die Ecke gekommen waren.

     Es hatte anderthalb Stunden gedauert, in denen es Gabriel vollbracht hatte, von Schwelm bis nach Düsseldorf zu fahren, sich auf dem Weg mit einem Kontaktmann zu treffen, der einen gefälschten Sicherungsdienstausweis für Johnny besorgt hatte, eine weitere halbe Stunde war allein dafür draufgegangen, diese Story prüfen zu lassen (mit dem hauseigenen Bibliothekar im Sangues, der ein großartiges Talent dafür hatte, sich für jeden beliebigen Charakter nach Bedarf auszugeben, war dies ein gut einstudiertes Stück und weniger Grund zur Sorge; im heutigen Programm Herr Schneider, Chef der Sicherheitsdienstleistung für Banken und Handel, Zweigstelle Düsseldorf) und wenn Gabriel schon einmal vor Ort gewesen war, hatte er es sich selbstverständlich nicht nehmen lassen, Johnny und sie für wenigstens eine Dreiviertelstunde auf die Aussichtsplattform des Flughafens zu schleifen, um dort über die Genialität der Flugzeugbauingenieure zu philosophieren. 

     Dieser Zwischenfall würde es zwar nicht annähernd in die Top Ten der Kuriositäten schaffen, welche Luciana seit Einzug in den Bunker erlebt hatte, jedoch lagen ihre Nerven spätestens zu dem Zeitpunkt blank, als sie (vier Stunden verspätet) am Terminal Eins des Londoner Flughafens ‚Heathrow’ eintrafen.

     Schon lange hatte sie kein Chaos dieser Größenordnung mehr erlebt. Der Flughafen war riesig, unübersichtlich, laut und derart überfüllt mit Menschen aller Nationen, dass sie selbst Johnny mit seiner knallroten Beanie-Mütze und knappen 1,80m Körpergröße ein halbes Dutzend Mal aus den Augen verlor. Johnny und sie brauchten eine geschlagene Stunde, um ein freies Taxi zu besorgen, dessen Fahrer nicht ein Wort einer Sprache parat hatte, die sie beide im Repertoire anzubieten hatten. Die Fahrt beanspruchte weitere anderthalb Stunden, von der sie gefühlt die meiste Zeit im Schritttempo in die inneren Kreise der Metropole krochen, fortwährend begleitet von einem nicht enden wollenden Hupkonzert in Dreihundersechzig-Grad-Beschallung. Nicht das erste Mal an diesem Tag verfluchte Luciana sich selbst dafür, ausgerechnet Johnny die Planung ihres kleinen Tagesausflugs überlassen zu haben - welcher Mensch mit allen Tassen im Schrank kam bitte auf die Idee, in der Rush Hour ein Taxi in die Innenstadt einer Touristenhochburg zu nehmen? Die Londoner hatten schließlich nicht aus purer Langeweile hunderte von Kilometern Tunnel gebuddelt.

     Es dämmerte bereits, als Luciana sich inmitten der Innenstadt auf dem Bürgersteig einer Seitenstraße wiederfand, während Johnny eine heftige Auseinandersetzung mit dem Taxifahrer hatte, die die beiden mit Händen, Füßen und international gültigen, rüden Handgesten ausführten.

     Um sie herum gab es einen regen Betrieb von allerhand Passanten, die, meist eilig, an ihnen vorbei liefen. Auf der gesamten Länge der Straße befanden sich alle möglichen Geschäfte jeglicher Art, dabei sah keins davon aus, als habe es auch nur im Entferntesten mit Zauberei zu tun.

     „Da lang“, sagte Johnny, der plötzlich wieder neben ihr stand und es sich anscheinend nicht nehmen lassen konnte, mit einer letzten Geste das wegfahrende Taxi zu ‚verabschieden‘. Danach deutete er, mit nun wieder prächtiger Laune, in Richtung einer schmutzig wirkenden Eingangstür, zwischen einer Buchhandlung und einem Plattenladen, keine drei Meter von ihnen entfernt.

     „Willkommen im ‚Tropfenden Kessel’“, bemerkte Johnny, während er zielsicher auf den Schandfleck zulief und Luciana die Tür aufhielt. Dahinter lag ein Pub, zumindest machte dies den Anschein von ihrem Sichtpunkt aus - bevor sie Johnny allerdings eine Standpauke darüber halten konnte, dass jetzt ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt für einen Absacker wäre (wie gesagt, es dämmerte bereits), schob dieser sie auch schon in das verrauchte, schummrige Gebäude.

     Im Inneren war der Pub genauso dunkel und schäbig, wie es seine Außenfassade vermuten ließ. In einer Ecke saßen eine Hexe und ein Zauberer (Kleider machen Leute), die sich lauthals stritten. Offenbar waren sie gerade rechtzeitig zum Grande Finale dazu gestoßen, da das Gezeter ein abruptes Ende fand, als die Hexe dem Zauberer ihren Drink ins Gesicht schüttete und schnaubend Richtung Hintertür den Schankraum verließ.

     Am Tresen stand ein vollkommen kahlköpfiger Wirt, der gerade etwas enttäuscht der Hexe nachblickte (ob nun aus dem Grund, dass sich sein abendliches Unterhaltungsprogramm plötzlich aus dem Staub gemacht hatte oder er persönlich involviert war, konnte sie schlecht sagen) und nebenbei einem Zauberer mit Spitzhut ein Glas Whisky über die Theke schob.

     „Hallo Johnny“, sagte der Wirt, als er die beiden Neuankömmlinge bemerkte und winkte Johnny zu.

     „Hey, Tom!“

     „Was darf’s denn sein?“, fragte der Kahlkopf, als Luciana und Johnny den Raum am Tresen vorbei durchquerten.

     „Lass stecken, wir woll‘n bloß n‘ paar Besorgungen machen!“

     Johnny lenkte Luciana mit einer Hand am Rücken zu der Hintertür des Pubs, in der die Hexe vor ihnen verschwunden war. Dahinter lag ein von Mauern umgebener Hof, indem es nichts weiter zu sehen gab, als einen Mülleimer und etwas Unkraut.

     „Drei nach oben … zwei zur Seite …“, sagte Johnny. „Merk dir das für die Zukunft!“, zog seinen vermackten Zauberstab (welcher vom Bundesgrenzschutz zwar als äußerst seltsamer Gegenstand, jedoch vollkommen harmlos eingestuft worden war) aus seinem Jeansbund  und klopfte mit dessen Spitze dreimal gegen die Mauer. Der Stein, auf den er geklopft hatte, erzitterte, wackelte und in der Mitte erschien ein kleiner Spalt - der wurde immer breiter und eine Sekunde später standen sie vor einem offenen Torbogen.

     Luciana staunte nicht schlecht; die britische Zauberergesellschaft schien etwas von Geheimhaltung zu verstehen. Im Gegensatz zu den Berlinern, deren ‚magischer Schutz‘ ihrer Einkaufsgasse aus einer als ‚defekt‘ gekennzeichneten Umkleidekabine in einem der ältesten Kaufhäuser der Stadt bestand und keinerlei Zauberstabgefuchtel für den Eintritt verlangte. Mal davon abgesehen, dass es sich ihr noch nie erschlossen hatte, was an einer Umkleidekabine defekt sein sollte, verirrten sich, welch eine Überraschung, in regelmäßigen Abständen ahnungslose Nicht-Magier in der Einkaufsmeile, weswegen eigens zu diesem Zweck der Posten des ‚Rückführers‘ entstanden war, welcher den lieben langen Tag damit zubrachte Vergessenszauber auszusprechen und höchst verwirrte Passanten durch das Kaufhaus zu schieben. Die Winkelgasse schien diese Verschwendung von Steuergeldern nicht nötig zu haben. Nach der Kleidung der umherlaufenden Menge vor ihr zu urteilen, verkehrten hier ausschließlich Hexen und Zauberer. Nachdem Johnny und sie den Torbogen durchquert hatten, verschloss sich dieser von selbst, kaum dass sie zwei Schritte in die Gasse getreten waren.

     Direkt am Anfang der Winkelgasse stand ein Stapel Kessel vor einem Laden, über dessen Eingang ein Schild mit Aufschrift Kessel - Alle Größen - Kupfer, Messing, Zinn, Silber - Selbst umrührend - Faltbar hing.

     Was Luciana auch sofort an die Einkaufsliste in ihrer Hosentasche erinnerte, auf der die Rede von irgendeinem speziellen Kessel gewesen war.

     „Da muss ich rein, Johnny!“

     Sie hatte den Eingang des Kesselgeschäftes beinahe erreicht, als sie mit einem Ruck an ihrem Mantelkragen gepackt wurde und Johnny sie zurück in Richtung des Hauptweges bugsierte.

     „Wie wär’s, wenn wa‘ erst ma‘ ein Konto für dich einricht‘n lassen und dabei n‘ wenig Geld umtauschen … Mit Nicht-Zauberer-Kohle kommst de hier nicht weit“, sagte er und ja, diese Information war ihr allerdings neu.

     In nicht weiter Ferne erhob sich ein auffällig großes, schneeweißes Gebäude in ihr Sichtfeld, auf das sie sogleich schnurstracks zusteuerten - keine fünf Minuten später standen sie vor einem blankpolierten Bronzetor, auf dem in großen Lettern gemeißelt war: Gringotts Bank.

     Direkt vor dem Tor stand ein Kobold, der eine scharlachrote, mit Gold bestickte Uniform trug. Luciana hatte in ihrem Leben schon öfter Kobolde gesehen, doch jedes Mal war sie aufs Neue fasziniert von den kleinen, scheinbar immer grimmig dreinblickenden Kreaturen.

     Der Kobold war etwa ein Meter und dreißig groß, hatte ein dunkelhäutiges, aufmerksames Gesicht, einen Spitzbart und auffällig lange Finger mit einem Paar passend großer Füße. Als Johnny und sie die Treppe zum Eingang emporstiegen, wies der Kobold sie mit einer Verbeugung hinein; damit wäre die Jobbeschreibung des kleinen Kerls auch geklärt.

     Nun fanden sie sich vor einer silbernen Doppeltür wieder, in die folgende Worte eingraviert waren:

Fremder, komm du nur herein,

Hab Acht jedoch und bläu’s dir ein,

Wer Sünde Gier will dienen,

Und will nehmen, nicht verdienen,

Der wird voller Pein verlieren.

Wenn du suchst in diesen Hallen

Einen Schatz, dem du verfallen,

Dieb, sei gewarnt und sage dir,

Mehr als Gold harrt deiner hier.

     „Das würd‘ ich an deiner Stelle ernst nehm‘n …“, kommentierte Johnny leise. „Nem Kumpel von mir ham‘ se die Haut vom Kopp geschält …“

     Ein paar Kobolde verbeugten sich, nachdem sie durch die Tür in die riesige Marmorhalle schritten. Um die hundert der kleinen Wesen saßen auf hohen Schemeln hinter einem langen Schalter, kritzelten Zahlen in große Folianten, wogen auf Messingwagen Münzen ab und prüften Edelsteine mit unter die Brauen geklemmten Uhrmacherlupen. Aus unzähligen Türen schritten unentwegt Leute hinein und heraus, alle in Begleitung eines Kobolds.

     Johnny führte Luciana zu einem der vielen Schalter, an dem ein Kobold gerade dabei war einen Haufen dunkelgrauer Steine abzuwiegen.

     „Die Dinger würd ich an Ihrer Stelle nich‘ mit bloßer Hand anpack‘n, das is‘ Uranerz“, kommentierte Johnny und starrte verblüfft auf die Baseball-großen Steinklumpen in der Hand des Kobolds.

     „Das soll nicht Ihre Sorgen sein“, zischte der Kobold und schob das Gestein beiseite. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte er dann übertrieben freundlich und entblößte mit einem breiten Grinsen schrecklich viele kleine scharfe Zähnchen.

     „Ich möchte‘ für die junge Dame hier ein Verlies miet‘n und Geld umtausch‘n“, antwortete Johnny mit mindestens ebenso viel gespielter Freundlichkeit. Er zog einen großen, dicken Umschlag aus seiner braunen Wildlederjacke und schob ihm dem Kobold direkt unter die Nase. Luciana war drauf und dran die Hand zu heben, um ihrem ersparten und geerbtem Geld zum Abschied zu winken.

     „Das Geld ist auf‘n Pfennig genau abgezählt. Die Bestätigung des Erziehungsberechtigt‘n ist enthalt‘n und … ach ja, ne Überweisung für die Hogwarts Schule. Es wär sehr nett von Ihnen, sich um diese Angelegenheit zu kümmern, ich wäre Ihn‘n sehr verbund‘n.“

*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*

    

      Kaum eine Viertelstunde später verließen die beiden die Gringotts Bank. Lucianas Taschen waren über und über gefüllt mit goldenen und silbernen Münzen, keinen einzigen Schein hatte man ihr ausgehändigt, was ihr gerade mindestens zwei Kilo zusätzlichen Ballast einbrachte. In ihrer Hand begutachtete sie einen kleinen, goldenen Schlüssel, auf dem die Zahl sechshundertundfünfundsechzig eingraviert war.

      „Verlier den Schlüssel nich‘, das würd‘ n‘ riesigen Aufstand geb‘n.“ Luciana verstaute den Schlüssel daraufhin in die Innentasche ihres Trenchcoats.

     „Mit m‘ Geld kommst du locker das ganze Jahr hin. Die golden‘n Münzen sind Galleon‘n, jede ist ungefähr … mmmhhh … zwölf Mark wert. Die silbern‘n heißen Sickel und die Bronzen‘n sind Knuts. Neunundzwanzig Knuts sin‘ ein Sickel, siebzehn Sickel eine Galleone. Frag mich nich‘ wo da die Logik sein soll“, sagte Johnny und blieb mitten auf dem Kopfsteinpflasterweg stehen.

     „Wir könn‘ uns jetzt trennen, ich hab hier noch n‘ Termin mit Gordon und …“, Johnny schaute auf seine Uhr, „fuck!“

     Damit drehte er sich um, rief noch im Laufen „Wir treffen uns in drei Stund‘n im Tropfend‘n Kessel“ und schon war er in der Menge verschwunden, bevor Luciana auch nur den Mund hatte aufmachen können.

      Na wunderbar, dachte sie sich, ging nach dem dritten Mal angerempelt werden etwas abseits des Weges, um in Ruhe in ihren Taschen nach dem Einkaufszettel der Schule zu kramen. Nach kurzer Zeit beschloss sie erst das Wichtigste von der Liste zu streichen, also alle Bücher zu besorgen. Planlos versuchte sie sich mit hin und her schauen einen Überblick zu verschaffen, in der Hoffnung, eine Buchhandlung in Sichtweite zu bekommen.

     Rechts von ihr befand sich ein Laden der Rennbesen im Schaufenster ausstellte (Luciana hasste diese bockigen Biester). Zu ihrer Linken befand sich ein schmaler Gang zwischen zwei Backsteinmauern.

     An der rechten Mauer war ein Holzschild angebracht, in der Form eines Arms, der in Richtung der Gasse zeigte. Auf dem schwarzen Untergrund stand, mit einst weißer Schrift, geschrieben: ‚Nokturngasse’.

     Hätte sich Luciana Gedanken darüber gemacht, warum die Gasse so abgelegen und düster wirkte und zudem von jedem in der Winkelgasse Anwesenden vollkommen ignoriert wurde, wäre sie mit großer Wahrscheinlichkeit selbst auf die Idee gekommen, dass es dort viel zu kaufen gab, nur keine Schulmaterialien. Doch so blickte sie noch einmal über ihre Schulter, wo noch immer weit und breit kein Buchladen in Sicht war und betrat den schmalen Gang der Gasse.

*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*

    

     Die Nokturngasse war ganz anders, als die sonstige Einkaufsstraße. Der gepflasterte Weg war feucht und schmutzig, als ob sich niemand darum scheren würde, wie es hier aussah.

     Gleich nachdem Luciana ein paar Meter tiefer in dem Gang verschwunden war, verschwanden mit ihr auch die letzten Strahlen der Abendsonne. Zudem hätte sie schwören können, dass es mit dem Ortswechsel mindestens zehn Grad kälter wurde. Außerdem roch es unangenehm; ganze Flächen von Hauswänden waren von Schimmel und Moos bedeckt.

      Auf dem ohnehin schmalen Weg kamen ihr nach ein paar Metern eine Hexe und ein Zauberer entgegen, die sich, bei näherer Betrachtung, als Bilderbuchklischee von Märchenbüchern der Nicht-magischen-Welt entpuppten - der Zauberer hatte ein altes, eingefallenes Gesicht und einen kahlen Kopf (von den vereinzelten fettigen, grauen Haarfetzen abgesehen). Von seiner großen Hakennase fehlte die Hälfte und Zähne schien der Alte gar nicht mehr zu besitzen. Das Auffälligste an ihm waren jedoch seine Augen. Das Rechte war grau und verschleiert, während das Linke gar nicht mehr vorhanden war. Anstatt des Auges stierte ein schwarzes Loch aus seiner Augenhöhle.

     Die Hexe trug einen schwarzen, verschlissenen Spitzhut, unter dem ihre angegrauten, dunklen, verfilzten Haare hervorsprossen. Als die beiden mit wehenden, Motten zerfressenden Umhänge an ihr vorbeiliefen, grinste die Hexe Luciana an, der sich beim Anblick der fauligen, gelbgrünen Zähne der Magen umdrehte.

      Nach kürzester Zeit musste Luciana zu ihrem Bedauern feststellen, dass die Hexe und der Zauberer kein Einzelfall waren. Je tiefer sie in die Nokturngasse eindrang, desto mehr Menschen der Sorte 2.0 Grimm FSK 18 Version kreuzten ihren Weg.

     Die Geschäfte in dieser Gasse waren kein Deut besser als die Menschen hier. Man musste sich nicht allzu genau umschauen, um zu erkennen, dass es an diesem Ort ausschließlich zwielichtige Läden für die dunklen  Künste gab. Links von ihr sah sie einen, der offenbar eine große Anzahl von riesigen, mit Giftschildchen gekennzeichneten Spinnen anbot. Zwei Gebäude weiter blieb sie vor dem Schaufenster des bisher größten Ladens stehen. Doch durch die staubige Glasscheibe waren vom düsteren Geschäftsinneren kaum mehr als Schemen zu erkennen.

     Ihre Neugier und das spontan zurecht gelegte Argument ihrem kleinen Ausflug auch etwas ‚Produktives‘ abgewinnen zu können, brachte sie dazu die Eingangstür zu öffnen, über der ein Schild mit der Aufschrift ‚Borgin und Burkes’ angebracht war.

     Im Innern des Geschäfts roch es moderig und es waren noch weniger Lichtquellen vorhanden, als man es von draußen hätte vermuten können. Eine gläserne Vitrine, nicht weit von ihr, enthielt eine verwitterte Hand auf einem Kissen, einen blutbespritzten Packen Spielkarten und ein starrendes Glasauge. Verzerrte Masken glotzten von den Wänden herab, die Luciana stark an eine Mischung aus Voodoo-Kult und Requisiten von Freitag der 13. erinnerte.

     Am anderen Ende des Raumes stand ein Verkäufer hinter einer Theke und verhandelte mit einem Mann, der offenbar nicht mit dem angebotenen Preis der Ware einverstanden war.

     Luciana näherte sich dem Geschehen um ein paar weitere Schritte, bis sich der Mann umdrehte.

     Gordon! Zusammengebundenes, wasserstoffblondes Haar mit einer Samtschleife zurückgebunden (okay, das war neu, genau wie die samtglatte Haarpracht, anstatt der Dread-Locks) - groß - schlank - markante Gesichtszüge - schwarzer Samtmantel - der Rest viktorianischer Hochadelstil - das konnte nur Gordon sein!

     Luciana war drauf und dran Gordon zur Begrüßung zuzurufen, doch bei genauerer Betrachtung stimmte irgendetwas nicht. Von nahem sah sie jetzt, dass der Mann auffallend kalte graue Augen hatte. Und etwas sehr Entscheidendes fehlte - seine Narbe, die sich eigentlich von seinem linken Auge bis zum Kinn hinunterziehen sollte. Außerdem hielt dieser Mann einen schwarzen Stab, mit einem silbernen Schlangenkopf darauf, in seinen, von glatten Lederhandschuhen umhüllten, Händen.

     Dieser Mann sah fast haargenau aus wie Gordon - er war es nur nicht.    

     Jetzt fiel Luciana zudem auf, dass sich neben dem Mann eine weitere Person befand, die in diesem Augenblick aus einem der vielen Schatten des Ladens trat. Es war ein Junge, etwa in ihrem Alter - unverkennbar der Sprössling des Mannes.

     Nach einem Moment peinlichen Schweigens drehte sich Luciana auf dem Absatz um und lief mit zügigen Schritten aus dem Laden, mit einem „Entschuldigung, hab Sie verwechselt“ auf den Lippen.

     Verwirrt von dieser höchst seltsamen Begegnung achtete sie, in ihren Gedanken versunken, nicht mehr darauf, wie weit sie sich von ihrem ursprünglichen Weg, tiefer in die engen Gasse dieses sonderbaren Ortes, hinein bewegte. Sie bemerkte auch nicht die immer näher kommenden Schritte, welche sie nun schon seit geraumer Zeit verfolgten.

     Der Mann in dem Laden hatte genauso ausgesehen, wie Gordon. Dazu wusste sie von Johnny, dass sich Gordon zurzeit in der Winkelgasse aufhalten musste. Wie konnten sich zwei offenbar unterschiedliche Personen so sehr ähneln? War sie gerade eben einem nahen Verwandten zufällig über den Weg gelaufen? Das Ganze würde sich sicher logisch erklären lassen, gleich wenn sie Johnny wieder sehen würde, könnte sie diesen fragen ob -

     „Petrificus Totalus!“, zischte eine männliche Stimme, direkt hinter ihr.

     Luciana blieb abrupt stehen. Der kleine elektrische Schlag, den sie am Rücken zu spüren bekam, hinterließ verheerende Folgen. Von einem Augenblick zum anderen war sie nicht mehr fähig sich zu bewegen, ihre Muskeln und Glieder waren wie zu Stein erstarrt und gehorchten nicht mehr.

     Ein Ganzkörperklammer-Zauber, einfach, aber effektiv. Und wer diesen gegen sie gerichtet hatte, erfuhr sie einen Augenblick später. Ein ihr unbekannter Mann, vielleicht Anfang vierzig, hatte sich vor ihr aufgebaut und grinste sie mit keiner Handbreite Abstand an, wobei eine lückenhafte Reihe tiefgelber, verfaulter Zähne zum Vorschein kam.

     Als das Ekelpaket sie packte und in eine direkt anliegende, viel zu abgelegene, Gasse zog und sie an die Wand drückte, verstand Luciana sofort was der Kerl von ihr wollte. Er war gerade dabei ihre Hose zu öffnen und egal wie sehr sie sich anstrengte, sie konnte sich keinen Millimeter bewegen.

     Das hatte sie nun von ihrem nicht vorhandenen Orientierungssinn und dem schlechtesten Riecher für Ortschaften, von denen man sich besser fernzuhalten hatte - einen kleinen, hässlichen Zauberer, der mit einem leicht abzuwehrenden Taschenzaubertrick unbehelligt mit ihr anstellen konnte, was er wollte …

     „ … Die Nokturngasse ist eben nichts für kleine Mädchen“, flüsterte das Ekel ihr ins Ohr, während er es geschafft hatte, ihre Jeans ein Stück herunterzuziehen. „Pech für dich, Glück für -„

     „Expelliarmus!“

     Ein scharlachroter Blitz ließ den Mann vor ihr durch die Luft wirbeln. Luciana konnte mit ihrem unflexiblen Sichtfeld gerade noch sehen, wie der Abschaum kopfüber gegen eine Hausmauer schlug und reglos liegen blieb.

     Dieses Mal hörte sie die Schritte deutlich, welche sich ihr näherten. Der Versuch den Kopf in die Richtung der Geräusche zu drehen, blieb bei einem Versuch. Es war allerdings auch nicht mehr nötig sich großartig zu verdrehen, denn keinen halben Meter vor ihr erschien ein Mann, in schwarzer, viktorianischer Kleidung und einem schwarzen, langen Umhang. Sein kinnlanges, schwarzes Haar fiel ihm in sein blasses Gesicht, welches sein Alter nicht preiszugeben schien. Er hatte eine, aus Lucianas Perspektive, riesengroß erscheinende Hakennase. Seine kalten, schwarzen Augen bohrten sich in ihre; sein Blick war unergründlich. Im Großen und Ganzen hatte sie nur noch ‚schwarz, schwarz, schwarz‘ im Kopf …

     Als der Unbekannte sie von oben bis unten gemustert hatte und mit seinem Blick an ihrer geöffneten, etwas heruntergezogenen Hose hängenblieb und sie darauf keinerlei Anstalten machte, an diesem Zustand etwas zu ändern, hob er seinen ebenso schwarzen Zauberstab und richtete ihn direkt auf sie.

     „Finite Incantatem“, sagte er in einer tiefen, basslastigen Stimme, die von dem feuchten Gemäuer um sie herum widerzuhallen schien.

     Luciana spürte, wie ihr Körper aus der Klammerung befreit wurde. Glücklicherweise stand sie mit dem Rücken an die Mauer gepresst, ansonsten hätte die plötzlich wiedergekehrte Kontrolle über ihre Gliedmaßen wohl auf dem versifftem Gassenboden geendet. Hastig wandte sie sich um, sodass ihr Mantel dem Mann die Sicht versperrte, als sie, mit zitternden Händen ihre Hose hochzog und sie wieder schloss.

     Nachdem sich Luciana wieder aufgerichtet hatte und sich zu dem, hoffentlich anständigen menschlichen Wesen dieses vermaledeiten Ortes und nicht Kandidat Nr. 2 mit Vorliebe für etwas bewegungsfreudigere Opfer drehte, stand er noch genauso da, wie einen Moment zuvor.

     „Die Nokturngasse ist nichts für weibliche … Schönheiten in Ihrem Alter, Miss …“, sagte er in dem sarkastischsten Tonfall, den Luciana je zu hören bekommen hatte (und sie hatte regelmäßig mit der Elite dieser Kunst zu tun). Das Wort Schönheit war keinesfalls ein Kompliment gewesen. Es war der reinste Spott.

     Was in ihr auch gleich die Frage aufkommen ließ, wie sie es in regelmäßigen Abständen immer wieder vollbrachte, von einem Arschloch direkt zum nächsten zu gelangen. Luciana schalt sich selbst für den Gedanken, immerhin hatte der Kerl ihr geholfen und bisher keine Anstalten gemacht, ihr einen Gürtel zwecks Erdrosslung um den Hals zu legen.

     „Bradley …“, sagte sie endlich, nachdem der Mann schon fragend seine linke Augenbraue gehoben hatte.

     „Nun gut, Miss Bradley, es kommt nicht oft vor, dass sich jemand wie Sie in diese Gasse verläuft. Normalerweise ist der Ruf dieses Ortes jedermann bekannt. Das eben gehört hier zum Alltag …“ Mit diesen Worten deutete er zu dem Zauberer, der immer noch regungslos, vielleicht sogar tot, auf dem Boden lag.

     „Des Weiteren kann ich Ihnen nur empfehlen, sich in Selbstverteidigung zu üben … die Welt ist gefährlicher als sie den Anschein macht.“

     „Ich habe mich nicht verlaufen! Ich kenne mich sogar sehr gut hier aus“, log Luciana, vollkommen pikiert über die unaufgeforderte, wenn auch nicht ganz unberechtigte, Belehrung. Ihre Augen blitzten kampflustig auf, als sie fortfuhr: „Und ich kann sehr gut auf mich alleine aufpassen! Ich kenne Selbstverteidigungspraktiken, da denken Sie nicht mal in Ihren kühnsten Träumen dran!“ Mit denen man zwar nicht durch den Body Check eines Flughafens kam und die in dieser Situation rein gar nichts gebracht hätten, aber hey, sie waren theoretisch verdammt effektiv.

     Den Mann schien dies jedoch wenig zu beeindrucken, nein schlimmer noch, er wirkte köstlich amüsiert.

     „Vielleicht sollten Sie diese Praktiken dann zur Abwechslung einmal anwenden“, spottete er und seine Lippen umspielte ein überhebliches Grinsen.

     Das war Luciana zu viel. Wenn dieser Kerl noch einmal seinen Mund aufmachen würde, dann würde sie ausfallend werden, sehr ausfallend, soweit kannte sie ihr eigenes Temperament. Und da er ihr nun einmal geholfen hatte, schienen ihr wahllose Beschimpfungen als Dank ein wenig deplatziert. Also tat sie das  Beste was ihr einfiel - sich von der Szenerie entfernen. Doch es waren keine zehn Sekunden vergangen, kurz nachdem sie in die nächstmögliche Gasse eingebogen war, da ertönte erneut seinen zynischen Bariton.

     „Dies ist eine Sackgasse, Miss Bradley!“

     Okay, jetzt reichte es! Bereit zum verbalen Angriff wirbelte sie herum. Noch bevor sie etwas sagen konnte, erhob der Mann, der schon wieder vor ihr stand, seine Stimme.

     „Ich habe Sie hier noch nie gesehen, Sie sehen nicht so aus, als ob Sie schon einmal hier gewesen wären und … Sie haben sich verlaufen.“

     Das war eine Feststellung gewesen. Diesen Mann anzulügen schien vergebene Lebensmüh zu sein.

     „Okay, Sie haben Recht. Ich habe mich verlaufen.“

     Der Kerl hatte keinerlei Ahnung, wie viel Überwindung sie das gekostet hatte. Hätte er die gehabt, dann hätte er sich die nächste Frage sonst wo hingesteckt.

     „Und wie wollen Sie wieder herausfinden?“ In seinen Augen blitzte es siegessicher.

     „Oh, Sie werden mir den Weg zeigen“, antwortete Luciana mit gespielter Überheblichkeit in ihrer Stimme.

     „Ach ja?“, presste er hervor, seine Lippen kräuselten sich. „Und wieso sollte ich das tun?“

     „Weil Sie sicher nicht dafür verantwortlich sein wollen, das ein kleines, sechzehnjähriges Mädchen erneut angegriffen und vielleicht sogar vergewaltigt und getötet wird!“

     Seine Miene versteinerte. Was war denn jetzt los?

     Einen Augenblick später war es ihr egal, denn Mr Schwarz-Schwarz-Schwarz sagte nichts weiter, sondern zog sie mit seiner rechten Hand an ihrem Oberarm in die entgegengesetzte Richtung. Auf dem offenbar richtigen Pfad angekommen, brachte er wieder mehr Abstand zwischen sie und lief gleich mehrere Schrittlängen vor ihr her. Für sie sah er dabei aus wie eine übergroße Krähe, so wie sein Umhang wehte. Laufen tat er eher wie eine Spinne - irgendwo zwischen ruckartig, hastig und graziös, mit beachtlicher Schrittlänge. Luciana hatte auf dem Weg mehr als einmal ihre Probleme, nicht den Anschluss zu verlieren, doch den Gedanken an die anwesenden Hexen und vor allem Zauberer in dieser Gegend, war ein vorzüglicher Ansporn für sportliche Meisterleistungen.

     Den ganzen Weg über sprach er kein einziges Wort mehr und den Gedanken, bei diesem vorgegeben Lauftempo eine Zigarette zu genießen, verwarf sie sobald er ihr gekommen war. Als sie wieder an der der Kreuzung zur eigentlichen Einkaufsstraße der Winkelgasse angekommen waren (nach einer gefühlten Ewigkeit), blieb er abrupt stehen, drehte sich ruckartig zu ihr um und nickte auffordernd in Richtung der nun mit Öllampen erleuchteten Straße. Keine Sekunde später wandte er sich wieder um und wollte gerade zurück in die Nokturngasse verschwinden, als Luciana ihn am linken Unterarm festhielt. Seine Reaktion auf diese Berührung fiel heftig aus - blitzschnell riss er sich aus ihrem Griff los, während er sofort und offenbar reflexartig mit seiner rechten Hand die Stelle rieb, die sie gerade noch umschlossen gehalten hatte.

     „Ich … ich wollte mich nur bedanken …“, stammelte sie verwirrt, was der Mann mit einem kurzen Nicken quittierte und daraufhin in Windeseile in der dunklen Gasse verschwand.

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